Kurzgeschichte
Zu Beginn der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts hatte es ganz gut ausgesehen. Sehr bald nachdem Martin Luther und andere evangelisches Gedankengut in Predigten, Thesen, Andachtsbüchern und Schriften veröffentlicht hatten, sind diese ldeen auch in die Gebiete des heutigen Österreich gekommen. Ende des 16. Jahrhunderts waren zwei Drittel der Bevölkerung evangelisch infiziert. Schon am 12. Jänner 1522 predigte im Wiener Stephansdom Paul Speratus evangelische Grundsätze.
Evangelische Strömungen
Schon damals ließen sich verschiedene evangelische Strömungen ausmachen: Ferdinand I. bedroht 1527 alle Lutherisch (A.B.), Carlstadt´ (A.B.) Oekolampad´ (H.B.) und Zwingli´schen Lehren mit drakonischen Strafen. Ein Visitationsbericht aus der Steiermark spricht von einer solchen Vermengung lutherischer, zwinglischer und täuferischer Einflüsse, dass eine saubere Trennung kaum vorzunehmen ist.
Kaiser Ferdinand ll.
Die Predigt des Paul Speratus sollte bis zum 2. Vatikanischen Konzil im vergangenen Jahrhundert die letzte evangelische Predigt im Wiener Wahrzeichen sein. Nach einzelnen Verboten evangelischer Bücher und Schriften, nach Hinrichtungen hartnäckiger Bekenner, brachte es schließlich der Habsburger Kaiser Ferdinand ll. auf den Punkt: lch werde lieber über die Wüste herrschen, lieber Wasser und Brot genießen, mit Weib und Kind betteln gehen, meinen Leib in Stücke hauen lassen, als die Ketzer dulden.
Glaube oder Heimat
Die systematische Gegenreformation in den österreichischen Habsburgerländern setzte ein. Evangelische Prediger und Lehrer wurden des Landes verwiesen, evangelische Kirchen zerstört, Bücher und Schriften verbrannt. Bürger und Bauern wurden vor die Alternative gestellt, auszuwandern oder katholisch zu werden. Glaube oder Heimat war die Devise über drei Generationen lang. Tausende wanderten aus, viele wurden wieder katholisch, manche gingen einen dritten Weg: Sie wurden nach außen hin katholisch, blieben aber im lnneren evangelisch. Vor allem in schwer zugänglichen gebirgigen Tälern des heutigen Kärnten und Oberösterreich konnten sich so Geheimprotestanten mit raffinierten Verstecken der Bibel und Predigtbücher über die Jahrzehnte retten. Notgedrungen war evangelischer Glaube damit in den privaten, ja intimen Bereich gedrängt.
Evangelische Gottesdienste gab es während der Verfolgungszeit nur in Wien: lutherische in der schwedischen und dänischen, reformierte in der holländischen Gesandschaftskapelle.
Von der Duldung zur Gleichberechtigung
Für die Evangelischen in Österreich waren schließlich drei Gesetze im Verlauf der weiteren Geschichte von Bedeutung. Der aufgeklärte Kaiser Josef ll. wollte die Szenen der abscheulichen lntoleranz nicht länger in seinem Reich sehen. 1781 erließ er das Toleranzpatent, das evangelisches Leben unter bestimmten Voraussetzungen auch öffentlich duldete. Wo 100 evangelische Familien lebten, konnte ein Bethaus errichtet werden. Dieses durfte aber von außen nicht als Kirche erkennbar sein und keinen öffentlichen Zugang von der Straße haben. Pfarrer und Lehrer konnten berufen werden. Und was für den einzelnen Evangelischen wichtig war: Er konnte Meister werden, Bürgerrechte erhalten und studieren. Zwischen 70.000 und 80.000 Menschen meldeten sich im Gebiet des heutigen Österreich und bekannten, evangelisch zu sein. Die ehemaligen Geheimprotestanten wurden das Fundament der neuen Evangelischen Kirche in Österreich.
Das Protestantenpatent
80 Jahre später war es Kaiser Franz Josef l., der den Evangelischen in Österreich im Protestantenpatent von 1861 volle Freiheit des Bekenntnisses und der öffentlichen Religionsausübung zugesichert hat. Evangelische waren ab nun berechtigt, eigene Angelegenheiten selbst zu regeln, Vereine zu gründen, und sie erhalten seit diesem Zeitpunkt jährlich einen bestimmten Betrag aus staatlichen Mitteln, das sogenannte Staatspauschale. Als erster Verein wurde noch im gleichen Jahr in der Kirche in Wien-Gumpendorf der Gustav-Adolf-Verein gegründet. So wie die Juden haben auch Österrreichs Protestanten, Lutheraner und Reformierte, durch die Jahrhunderte hindurch ihren Beitrag für die Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur unseres Landes geleistet. In diesen Bereichen waren Protestanten seit 300 Jahren immer überproportional vertreten.
Evangelische Kirche in Österreich
Die dramatischen Jahrzehnte um die Jahrhundertwende und danach brachten der Evangelischen Kirche in Österreich einerseits viel Zulauf, andererseits aber auch existentielle Gefährdung von außen und von innen. Übertritte gab es vor allem durch die politisch motivierte Los-von-Rom-Bewegung, in der Menschen gegen den politischen Katholizismus ankämpften, weniger aber das Evangelium suchten. Der Anschluss des Burgenlandes an Österreich (1921) und die Vertreibung Deutscher nach dem 2. Weltkrieg lassen die Evangelische Kirche in Österreich stark wachsen. Einige Zahlen zum Vergleich: Um 1900 gehörten rund 107.000 Menschen zur Evangelischen Kirche in Österreich, 1920 waren es 195.000, 1921 224.000, 1938 341.000, 1945 332.000 und 1950 411.000. Den höchsten Mitgliederstand erreichte die Evangelische Kirche in Österreich mit 430.000 Menschen im Jahr 1962.
Belastungsprobe
Nicht nur das starke Wachstum, sondern vor allem die ideologische Ausrichtung in den 30er Jahren war für die Kirche eine starke Belastungsprobe. Glaube oder Heimat wurde in einer anderen Zuspitzung die Alternative. Als so manche erkannten, dass Heim ins Reich alles andere bedeutete als Rückkehr in das Mutterland der Reformation, war es für viele und für vieles zu spät. Natürlich gab es einzelne Mahner, Männer und Frauen, die Widerstand geleistet haben, aber die Kirche als solche schaffte das nicht. Die Erfahrung des lrrtums, der Schuld und der Verfehlung in diesen Jahren war erst in der letzten Zeit Anlass für öffentliches Bekenntnis. Davor war es Motivation für einen Rückzug aus Politik und Gesellschaft. Die Kirche wurde – und diesmal von eigenen Leuten - in das private Ghetto gedrängt, sie stand abseits des öffentlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens.
Freie Kirche im freien Staat
Heute regelt das
Protestantengesetz, welches das österreichische Parlament 1961 beschlossen hat, das Verhältnis von Staat und Evangelischer Kirche. Freie Kirche im freien Staat ist das Motto, das beiden lnstitutionen uneingeschränkte Selbstständigkeit zusichert, aber auch Platz lässt für vielfache gute Zusammenarbeit.